Stoppt endlich das Mamashaming & Kidsbashing

Neulich schickte mir mein Mann einen Tweetverlauf per Messenger, indem eine Mama ihren Unmut über eine österreichische Bäckereikette, deren unfreundlichen Mitarbeiter anscheinend eine Mama samt schreienden Kind vor die Tür “gebeten” hatte. Die Mutter wollte ein Wasser für das durstige Kind kaufen. Deswegen schrie es auch. Das Kind war ihm zu laut, er hatte Kopfweh. So die Beschreibung des Tweets. Meiner Meinung nach eine grausige Eskalation, die mit gesunden Menschenverstand und Einfühlungsvermögen vermeidbar gewesen wäre.

Man sollte sich immer vor Augen halten: ein Kind kann und darf auch schreien. Die Impulskontrolle ist für so ein kleines Wesen noch nicht genug ausgeprägt, als dass man in dem Moment verlangen könnte, es solle nun still sein. “Brav” sein. Vor allem wenn etwas so wichtiges wie Durstlöschen in diesen kleinen Köpfchen gerade jetzt allgegenwärtig ist. Noch dazu, wollte diese Mama offenkundig etwas konsumieren. Andere Gäste hielten Fürsprache für die Mutter mit Kind. Erklärten: es ist doch noch ein Kind!

Die Bäckerei hat sich bereits per Twitter entschuldigt, jedoch auch darauf hingewiesen, dass der Mitarbeiter das Ganze anders empfunden habe. Natürlich gibt es immer zwei Seiten. Wahrscheinlich ist es, dass der Mitarbeiter sich fehl verhalten hat. Einen schlechten Tag hatte und mit dem schreienden Kind das Faß übergelaufen ist. Zur Klarstellung, dass ist eine mögliche Erklärung. Keine Entschuldigung. Nicht ok ist die Art und Weise wir er das Ganze kommuniziert hat. Also ausgehend von der Beschreibung im Tweet. Ich will sagen, dass jeder mal Fehler macht und ich hoffe, so etwas passiert Mama und Kind nicht mehr. Was mich aber leider trübsinnig diesbezüglich stimmt, sind die Antworten, die im Tweetverlauf ersichtlich waren. Einiges was unter dem Tweet folgte war teilweise grotesk und zugleich ein Zeugnis davon, wie oftmals die Realität für Mamas und Kinder hier in Österreich aussieht. Zumindest im Internet.

Vom Mamashaming und Kidsbashing

Ich spreche vom allseits bekannten Mamashaming und das nur zu beliebte Kidsbashing. Ein Hobby einiger frustrierte und unglücklicher Menschen, die es sich zur Aufgabe erkoren haben, jeden darauf hinzuweisen wie unfähig alle Mamas sind und wie scheiße Kinder sind. Und vor allem wie nervig diese sind. Und jeder der sich ein Kind “zulegt” und nur einmal Schwäche zeigt, der hat doch kein Recht sich fortzupflanzen. Wie Kinder es wagen können überhaupt einen Mucks im öffentlichen Raum von sich zu geben. Wie unerzogen doch die Gören von heute sind, die Gfraster die. Was erlauben sich Eltern überhaupt? Mit ihren Kindern das Haus/ Wohnung zu verlassen und ein Restaurant zu besuchen. Wie können sie nur. Achtung Ironie!

“Ich will mein Schnitzerl in Ruhe essen!” “Das Kind hat keine Manieren!”. “Warum schreit die Rotzgöre so?!” Und wenn es die Mama dann beruhigen will. “Warum holt die jetzt DIE Dinger raus. Ich will in Ruhe essen und nicht sehen, was die da macht.” Stillen in der Öffentlichkeit ist dann auch oft ein großes Thema in den sozialen Netzwerken. Damit kommen viele nicht klar. Glücklicherweise hatte ich noch NIE derlei Aussagen zu hören bekommen. Blicke schon, doch sagen getraut hat sich nie jemand etwas. Doch das Internet ist voll von diesen Geschichten. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, weshalb diese alle erfunden sein sollten. Zumal ich leider auch schon ein paar Mal mit diversen Grantlern zu tun hatte.

Schlimmste Richter und Henker

Doch nicht nur der Restaurantbesuch ist für viele Mamas ein Hürdenlauf. Am schlimmsten ist es wohl für Mamas, wenn andere Mamas loslegen. Mamashaming am Höhepunkt! Mamas, die andere Mamas nieder machen für Trivialitäten. Stillmamas, die Flaschenmamas ein schlechtes Gewissen einreden. Oder Flaschenmamas, die Stillmamas als Glucken und unnatürlich beschimpfen. Mamas werden von Beginn an in Klassen eingeteilt. Schwangerschaft, Geburt, Erziehung, Beziehung, Ledigkeitstatus, etc., alles wird in die Waagschale geworfen. Mamas sind wohl die schlimmsten Richter und Henker in einem. Alles wird auf den Kopf gestellt. Die Ess- und Schlafgewohnheiten, die Hobbies, der Freundeskreis, das Waschmittel, der Umgang mit dem Kind am Spielplatz, im Geschäft, usw.

Internetforen, Facebook und Instagram sind voll von Mamashaming. Anstatt sich den Rücken zu stärken, wir eher ein Beil hinein getrieben. Und auch ich bin nicht gefeit vorm vorschnellen verurteilen. Schnell denkt man sich seine Teil. Doch was macht den Unterschied aus? Meiner Meinung nach Reflexion. Nachdenken! Überlegen. Gibt es einen Grund? Muss man eingreifen? Ist es nicht vielleicht etwas, dass dir und mir genauso gut passieren kann? Ist es etwas das man nicht verhindern kann? Schau ich gerade vom hohen Roß ziemlich hochnäsig runter oder bin ich auf einer Ebene mit der Mama, die ich gerade aburteile?

Wir Menschen sind Meister im vorschnell verurteilen

Ja richtig. Man verurteilt schnell. Man hat schnell eine Meinung. Das ist evolutionär bedingt. Wir müssen in Schubladen einteilen. Anders wären wir wohl nicht lebensfähig. Und wir wissen, oftmals basiert diese Meinung auf Fehlinformationen. Auf Minisekunden-Eindrücken. Einen Menschen kann man nie in nur einer Sekunde kennen und 100% korrekt einschätzen. Wir alle haben einmal einen schlechten Tag, sind mit dem falschen Fuß aufgestanden. Wenn ich verzweifelt meinem Sohn zum hundertsten Mal erkläre, er soll sein Essen nicht vom Teller schmeißen, er mich wütend anbrüllt und dabei erst recht den Löffel vom Tisch wirft. Und ich sitze daneben und rauf mir energisch die Haare. Ja wie denkst du wirke ich auf Außenstehende?

Sicher nicht wie die gechillteste Mama der Welt. Eher wohl verzweifelt, am Rande der innerlichen Implosion, getaktet von einem Sirenenähnlichen Geschrei meines Kindes. Und wenn man mich genau dann kennen lernen würde… Oh ich sehe schon die Gedanken herum fliegen. “Rabenmutter!”, “Wie kann man nur so unentspannt sein?”, “Das ist doch sonnenklar, der will grad nicht essen!”, “Weiß die nicht, dass das Kind regeln braucht?”, “Was für ein Unmensch ist die denn!?” Habt ihr euch ertappt?

Und wo ist euer Grantscherben-Look?

Kaum eines der Bilder auf Instagram oder Facebook zeigen auch solche Gesichter. Gesichter, die verzweifeln, müde sind oder auch mal grantig. Dort sieht man Kinderzimmer mit Interieur, dass ich mir nicht mal in den kühnsten Träumen leisten könnten, aufgedonnerte Mamas, die im Wochenbett besser aussehen, als ich in meinem ganzen Leben nicht, oder das fröhliche Kind, dass gerade mit dem hippen Fairtrade Holzspielzeugregenbogen spielt.

Doch weißt du was? Auch diese Mamas haben wahrscheinlich mal so ein Gesicht. So richtig einen Grantscherben-Look. Sie zeigen es nur nicht. Und auch das ist auch ok! Doch, das bedeutet auch, dass wir auch hier nicht zu schnell verurteilen sollten. Denn es ist ok, wenn das Kinderzimmer wunderschön pastellig ist und aussieht wie der Furz eines Einhorns. Es ist auch ok, wenn es das Wohnzimmer ist, das voll gestellt ist mit Spielzeug, weil das Geld für eine größere Wohnung fehlt.

Es ist ok, wenn die Mama sich gut fühlt, wenn sie sich aufbrezelt für ihre Fotos oder einfach für sich. Eine Geburt ist auszehrend und jeder geht anders damit um. Es ist aber auch ok, wenn man das T-Shirt drei Tage nicht gewechselt hat, die Haare zu Berge stehen und der Pickel auf der Stirn einem voll egal ist. Denn Hauptsache ist, das Kind ist glücklich und zufrieden. Und es is auch fein, wenn das Kind mit dem Regenbogen aus Holz spielt, oder das Fisher-Price Mobile mit tausend bunten Käfern begeistert anhimmelt.

Stop Mamashaming & Kidsbashing! Für Rückhalt und Akzeptanz

Weißt du was für mich am Ende zählt? Wir Mamas müssen uns bewusst machen, dass so unterschiedlich wir doch alle sind, eines haben wir alle gemeinsam. Unser Kind bzw. unsere Kinder machen uns zu Mamas. Und wir alle haben einen Weg gefunden, mit ihnen zu leben, sie zu versorgen und zu lieben.* Unser Ziel sollte daher sein, dass wir uns gegenseitig stärken, den Rücken freihalten.

Also was genau kannst du tun? Schenke ein freundliches Lächeln, wenn du beim Spaziergehen eine andere Mama siehst. Unterstütze andere Mamas mit Worten! Biete der vollends überladenen Mama doch eine helfende Hand beim Ein- und Ausstieg mit ihrem Kinderwagen in die Straßenbahn. Habe aufmunternden Worte für die Mama parat, die gerade versucht, das quengelnde Kind in ihrer Trage zu beruhigen. Schicke eine verständnisvollen Blick, der sagt “Oh ich versteh dich so sehr! Halt durch! Es ist ok!” an die Mama, die sich peinlich berührt umsieht, weil das Kind gerade einen Tobsuchtsanfall im Bus hat.

Und an all die Menschen, die Kinder als Last erachten, als Unnütz, als die Pest oder Schlimmeres. Euch möchte ich sagen: chillt mal! Ihr wart auch mal Kinder und seid es wohl manchmal in manchen Situationen noch immer. Kinder sind genauso Menschen wie du und ich. Nur halt eben kleine Menschen 🙂 Sie haben Respekt, Fürsorge und Hingabe verdient. Und egal wie kitschig es klingen mag. Kinder sind unsere Zukunft und es lohnt sehr ihnen zu zuhören, ihnen auf einer Ebene zu begegnen und zu verstehen, dass ihre Bedürfnisse genauso wichtig sind wie unsere.

Verständnis von manchen Grantlern wäre wohl zu viel verlangt, aber genau das ist es was wir alle uns gegenseitig geben können. Es kostet nichts, sondern kann sogar sehr viel bringen. Und ja, manchmal wirkt eben alleine schon Verständnis für den Unmut der kleinen Erdenbürger und der Tatsache, dass Kinder nun mal auch schreien können und dürfen, wahre Wunder. Die Akzeptanz hilft enorm und macht unser Leben und unser Miteinander einfach besser.

Also: stop Mamashaming und Kidsbashing! Stattdessen: starker Support von Mamas und Akzeptanz für Kinder!


*In der Annahme, dass Kinder keiner psychischen oder physischen Gewalt, keinen Drogen oder anderen Gefährdungen ausgesetzt werden bzw. wurden. Das steht für mich nicht zur Debatte und ist ein absolutes No-Go.

 

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